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Kitsch & Klischees

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Meine Tochter liebt Kitsch. Ich kann Kitsch nicht ausstehen.

Viele Jahre wollte ich jemand sein, der gern anspruchsvollen Jazz hört und die „Zeit“ liest. Das kommt nur sporadisch vor. Aber so richtig kitschigen Kitsch finde ich immer noch schrecklich. Aber sie findet Kitsch toll. Sie weint bei Happy Endings, sie weint, wenn es eng wird im Film, sie seufzt, wenn bei Capri die rote Sonne im Meer versinkt.

Seit einigen Wochen lässt sie sich wecken von einem Song, den ich am Anfang völlig indiskutabel fand: „Ich lass für dich das Licht an“ von Revolverheld (wobei ich, wohlgemerkt, frühere Songs der Band durchaus toll fand).

Der Text regte mich richtig auf: „Ich lass für dich das Licht an / auch wenn’s mir zu hell ist / ich hör mit dir Platten / die ich nicht mag“. Was lernen die Kinder denn auf diese Weise? Liebe ist, wenn man sich selbst verleugnet und lauter Sachen macht, die man eigentlich nicht machen will?

Furchtbar.

Und nun hallte der Song also jeden Morgen bis ins Bad.

Bis mir irgendwann klarwurde: Ja, genau so isses. Ich hör mit ihr Platten, die ich nicht mag. Genau das, was ich an dem Song auszusetzen hatte, tat ich jeden Morgen, meiner Tochter zu liebe. Und all die anderen Sachen in dem Lied mache ich auch, für meine Frau, für meinen Sohn, für eine meiner Töchter. Liebend gern und immer wieder.

Revolverheld haben ja so Recht.

Kitschige Klischees sind eben nicht umsonst kitschige Klischees.

Bei der Gelegenheit ein weiterer Song, den die gleiche Tochter schon vor Jahren toll hat, und auch der ist viel wahrer, als ich damals wahrhaben wollte (aber mittlerweile hat sie mich überzeugt, was soll’s, dann mag ich eben Kitsch statt anspruchsvollen Jazz):

Betsy Rose – Love Makes A Family | Listen for free at bop.fm


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Sich selbst ein Freund sein

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Vor kurzem fuhr meine Tochter auf Klassenreise. Ich brachte sie zur Schule, ihr Gepäck zum Bus. Bei der Gelegenheit drückte mir eine Mutter ein „Freundebuch“ in die Hand, das ich bitte einer anderen Mutter am Bus geben sollte. Kein Problem.
Die andere Mutter war noch nicht am Bus, ihr Haus liegt ohnehin auf meinem Nachhauseweg. Ich schob das Gepäck in den Bus und nahm das Freundebuch mit.

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Unterwegs traf ich die entsprechende Mutter, sie war mit dem Gepäck ihrer Tochter unterwegs zum Bus. Ich schlug vor, ich könnte das Freundebuch auch bei ihr in den Briefkasten stecken, schließlich gehe ich sowieso bei ihr vorbei.
Hundert Meter weiter war ihr Haus. Fünfhundert Meter weiter, vor meiner eigenen Haustür, fiel mir auf, dass ich immer noch das Freundebuch in der Hand hielt.
Ich hatte an jenem Tag nichts Schwieriges zu erledigen, ich grübelte nicht, plante nichts, hatte keine Probleme zu lösen. Selbst ohne all diese Dinge, die einen nur zu leicht von der Wahrnehmung des Hier und Jetzt ablenken können, hatte ich es geschafft, mich innerhalb von lächerlichen hundert Metern in irgendwelchen Tagträumen zu verlieren. Es war ein angenehmer Weg, die Vögel sangen, die Sonne schien, alles bestens.
Als ich dann feststellte, wie vernagelt ich durch die Welt gestiefelt war, blieb mir nur noch die Wahl: Ärgere ich mich über mich und meine Kopflosigkeit – oder zucke ich lachend mit den Achseln? Glücklicherweise war es einer der Tage, wo mir das gelang. Ich nahm das Buch später, auf dem Weg zur Arbeit, wieder mit, ich hielt es auf dem Fahrrad in der Hand, und diesmal war es mir dermaßen im Weg, dass ich nicht vergaß, es abzuliefern.
Ende gut, alles gut.

(Bild: Billy Alexander via Freeimage.com)


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Diskussion: Welche Lücke würde Ihr Tod hinterlassen?

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Was ist wichtig am Elternsein? Darüber machte sich US-Autor Bruce Feiler Gedanken, als er erfuhr, dass er Krebs hat: „Meine dreijährigen Zwillingstöchter Eden und Tybee kamen auf mich zugelaufen, als ich nach Hause kam, sie drehten sich lachend im Kreis, bis sie zu Boden gingen – und ich brach zusammen. Ich dachte an all die Spaziergänge, die wir nicht miteinander machen würden, an die Kunsthausaufgaben, die ich nicht versauen mehr konnte, an die Freunde, die ich nicht misstrauisch mustern können würde. An den Gang zum Altar ohne mich. Würden sie sich fragen, wer ich war? Würden sie sich nach meiner Zustimmung, meiner Liebe, meiner Stimme sehnen?“

Die meisten von uns machen sich viel zu selten darüber Gedanken, was es heißt, Vater oder Mutter zu sein. Meiner Ansicht nach besteht unsere wichtigste Aufgabe nicht darin, Klamotten in den Schrank zu falten und warme Mahlzeiten auf den Tisch zu stellen. Sondern Vorbild zu sein. Unsere Kinder sehen und erleben zu lassen, wie wir mit dem Leben umgehen, damit sie ihren eigenen Weg finden können.
Feilers Lösung für sein Dilemma bestand darin, einen „Council of Dads“ zu gründen, eine Art Ersatzväter-Verein. Sechs seiner Freunde, möglichst unterschiedliche Männer, sollten später seine Rolle unter sich aufteilen. Dafür musste er sich darüber klarwerden, welche Aspekte am Elternsein ihm am wichtigsten waren, also an welchen Stellen sein Tod die größten „Lücken“ hinterlassen würde.
Welchen Rat oder welche Botschaft wollen Sie Ihrem Kind mit auf den Weg geben? Hinterlassen Sie ihn in den Kommentaren! So helfen wir uns gegenseitig, bessere Eltern zu sein.

(Foto: Brandi Fitzgerald via Freeimages)


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5 sofort umsetzbare Erziehungs-Tipps von US-Psychologin

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Eines der Elternbücher, die mir besonders gut gefallen, ist Dr. Shefali Tsabarys „The Conscious Parent“ (gibt es leider noch nicht auf deutsch).

Dr. Tsabary ist Psychologin und erläutert in diesem Vortrag ihr Erziehungskonzept:

Vereinfacht gesagt, ist sie der Ansicht, Kinder kämen mehr oder weniger „fertig“ auf die Welt und wir Eltern müssten ihnen nur noch beim Großwerden helfen. Das soll nicht heißen, dass wir alles erlauben. Aber es bedeutet, genau hinzusehen (und hinzufühlen), was für dieses  Kind jetzt richtig ist – und nicht für uns Eltern. Wir sollen die Kindern darin bestärken, sie selbst zu sein, und sie nicht nach unserem Wunsch formen. Die verdrängten Eigenschaften, die uns oft triggern und streng auftreten lassen, bezeichnet sie als unseren „Schatten“ (einer der Archetypen in der Analytischen Psychologie Carl Gustav Jungs). Je intensiver und liebevoller wir uns mit unserem Schatten auseinandersetzen, desto besser werden wir als Eltern.

Hier einige Highlights (Übersetzungen von mir) aus dem Buch:

  1. Wir können unsere Kinder nur in so weit akzeptieren, wie wir uns selbst aktzeptieren. Nur in dem Maße, in dem wir uns selbst gut behandeln, werden wir unsere Kinder gut behandeln. (Acceptance of our children goes hand-in-hand with an acceptance of ourselves. Only to the degree that we honor ourselves will we honor our children.)
  2. Wenn wir unsere Kinder dazu drängen, unseren Erwartungen gerecht zu werden, verweigern wir uns ihnen, so wie sie sind, und das ist der Keim der Funktionsstörung. (When we mold our children to meet our expectations, we resist who they are, which is to sow the seeds of dysfunction.)
  3. Unglücklicherweise fühlen wir uns oft dann besonders kompetent, wenn wir unsere Kinder derart dominieren, dass sie unseren Anweisungen gehorsam Folge leisten. (Sadly, it’s likely you feel the most competent when your children are under your domination, willing to follow your word as gospel.)
  4. Es ist wichtig für unsere Kinder, dass wir ihre Hand halten – aber ohne sie dabei hinter uns her zu zerren. Wir müssen für sie da sein, wenn sie weinen, aber nicht sagen können, warum sie weinen. Wir müssen ihre Privatsphäre respektieren, während sie sich ans uns klammern. Wir müssen sie annehmen, wenn sie sowohl sich als auch uns ablehnen, und wir müssen sie verstehen, wenn man sie nicht verstehen kann. Wir müssen mit ihnen im unsteten Wasser ihrer chaotischen Gefühle schwimmen, auch wenn sie ihre Schwimmweste beiseite werfen. Wir müssen die Ruhe bewahren, auch wenn sie uns in den Wahnsinn treiben, wir müssen still sein und zuhören, auch wenn sie um unsere Meinung fragen, wir müssen einfach nur da sein, ohne eigene Ideen oder Interpretationen beizusteuern. Wir müssen ihnen ihre Vergesslichkeit und Unkonzentriertheit vergeben, denn diese ist hormonell bedingt. Wir müssen sie an der langen Leine lassen und in gewissen Maße mit ihren Herausforderungen leben, denn das gehört zu einer gesunden Entwicklung. Wir müssen uns davon verabschieden, dass sie unsere Babys sind, und ihnen sagen: ‚Du kannst auf eigenen Beinen stehen, egal wie besorgniserregend sich das anfühlen mag.’ (Your children need you to hold their hand, but without leading the way. They need you to be there when they cry but cannot explain why they are crying. They need you to respect their privacy even while they cling to you. They need you to accept them when they reject both themselves and you, and to understand them even when they make no sense. They need you to swim with them in the treacherous waters of their chaotic emotions, even when they keep throwing their life jacket away. They need you to be calm when they take you to the edge of your sanity, to be quiet and listen even when they beg you to give your opinion, and to simply be there without heed to your own ideas or interpretations. They need you to forgive them for their forgetfulness and distraction, understanding that this is hormonal. They need you to cut them some slack and let them defy you a little, knowing this is part of healthy development. They need you to let go of them as your babies and tell them, “You are ready to walk in your own shoes, no matter how scary.”)
  5. Wenn Sie wirklich einmal die Geduld verlieren und Ihren Frust auf ihre Kinder projizieren, egal ob mit unfreundlichen Worten oder einem verbissenen Gesichtsausdruck, nehmen Sie einen tiefen Atemzug und vergeben Sie sich. Dann vergessen Sie’s und fangen von vorne an. Wenn Sie regelmäßig die Fassung verlieren, sollten Sie die Lage überdenken. Es gibt schlicht und einfach keinen Grund, jeden Tag auszurasten, es sei denn, Sie sind insgesamt überfordert. In diesem Fall sollten sie Ihre Lebensumstände betrachten und wenn irgend möglich das Gleichgewicht wieder herstellen. In einer derartigen Situation ist es ihre wichtigste Aufgabe, ihr Leben angemessen zu strukturieren. Denn Schmerz wird von Generation zu Generation weitergegeben, und diesen Kreislauf zu durchbrechen ist einer der wichtigsten Faktoren bewussten Elternseins. (If at times you lose your patience and project your frustration onto your children, either through harsh words or a clenched jaw, take a deep breath and forgive yourself. Then let it go and begin over. If you find yourself losing your patience frequently, the situation invites scrutiny. There’s simply no reason to lose your patience on a daily basis unless your life is stretched too thin, in which case it’s time to evaluate your circumstances and if at all possible restore a balance. At such a juncture, restructuring your life may need to become your spiritual focus. Because ending the cycle of how pain is passed from generation to generation is such an important aspect of conscious parenting.)

(Bild: Sean Lancaster via Freeimages.com)


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7 Gründe, nicht zu meditieren (und wie Sie trotzdem sofort loslegen können)

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VORURTEIL Nr. 1: Meditieren ist schwierig!
LOSLEGEN: Holen Sie mal ganz langsam Atem. Konzentrieren Sie sich darauf, wie sich das anfühlt. Schließen Sie, wenn Sie möchten, die Augen.
Wie war’s?
Für einen kurzen Augenblick haben Sie sich nur auf eine einzige Sache konzentriert. Darauf, wie Sie atmen (was Sie ohnehin tun). So, jetzt haben Sie meditiert.
Üben können Sie nun nur noch, länger bei der Sache zu bleiben – in dieser Hinsicht können Kurse oder Anleitungen durchaus hilfreich sein. Aber eines ist klar: Meditation ist nicht schwierig, wie Sie gerade selbst erfahren haben.

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VORURTEIL Nr. 2: Beim Meditieren muss im Kopf Ruhe herrschen!
LOSLEGEN: Meditation bedeutet, sich auf das zu konzentrieren, was ist. Da es anfangs nicht ganz einfach ist, die ganze Welt auf einmal so wahrzunehmen, wie sie ohnehin gerade ist, reduziert man die Konzentration auf einzelne Wahrnehmungen: atmen, gehen, hören. Auf diese Weise kann man auch das Denken selbst zur Kenntnis nehmen.

Erfahrungsgemäß führt Meditation auf Dauer dazu, dass man sich leichter konzentrieren kann und sich auch mal Pausen vom Stress gönnt. Aber auch wer total gestresst ist, völlig wirres Zeug denkt, und das bewusst wahrnimmt, so wie es ist, meditiert.

VORURTEIL Nr. 3: Meditation zahlt sich erst nach vielen Jahren aus.
LOSLEGEN: Die allermeisten Menschen fühlen sich bereits nach der allerersten Meditationssitzung erholt und erfrischt. Schon nach wenigen Wochen entstehen im Gehirn neue neuronale Verbindungen, die gegen Stress helfen. Was allerdings stimmt: Wer regelmäßig über viele Jahre meditiert, hat besonders viel davon, weil die meditative Ruhe alle Lebensbereiche durchdringt.

VORURTEIL Nr. 4: Meditation ist doch nur eine Flucht!
LOSLEGEN: Meditation kann eine Auszeit vom Alltag sein. Man kann sich aber auch im Rahmen und mit Hilfe der Meditation mit akuten Problemen auseinandersetzen.
Viel wichtiger: Meditation heißt nicht, alles hinzunehmen. Sondern nur anzuerkennen, dass es jetzt gerade ist, wie es ist. Und sich vielleicht gleich mit voller Kraft dafür einzusetzen, dass es anders wird.

VORURTEIL Nr. 5: Ich habe nicht genug Zeit zum Meditieren!
LOSLEGEN: Besser weniger als nichts. Ein beruhigender Atemzug hilft mehr, als gestresst zu sein, weil man keine Zeit zum Entspannen hat. Stellen Sie sich das Leben wie eine Klassenarbeit vor: Am Anfang die Aufgaben gründlich zu lesen, zahlt sich zeitlich aus.
Die Annahme beruht vor allem darauf, dass viele klassische Meditationen eine Stunde oder länger dauern. Ist auch nicht schlecht.
Aber mittlerweile gibt es kurze, sozusagen „verwestlichte“ Meditationen, die eine Viertelstunde oder sogar nur noch wenige Minuten dauern. Sie sind kein Ersatz für eine längere Meditation. Aber eine gute Alternative zu keiner Meditation. Und zugleich ein schöner Einstieg. Probieren Sie’s aus – drei Minuten am Tag hat jeder (und wenn es auf der Toilette ist)!

VORURTEIL Nr. 6: Meditation ist eine (mir fremde) Religion!
LOSLEGEN: In allen Weltreligionen gibt es Gebete, Meditationen, Momente der Einkehr und Ruhe, der Kontemplation. Aber die Konzentration auf das Wesentliche – auf das Leben, so wie es sich auch ohne unsere Aufmerksamkeit gerade entfaltet – kennt keine Konfession und benötigt sie auch nicht.
Im asiatischen Raum wird die Meditation oft von buddhistischen Mönchen praktiziert. Aber zum Meditieren ist es weder erforderlich noch hilfreich, an Gott zu glauben (oder auch nicht). Das wäre, als würde man nicht Auto fahren, weil auch Moslems/Christen/Hindus/Atheisten Auto fahren. ;)

VORURTEIL Nr. 7: Ich sehe keine Farben / habe keine Erkenntnisse – also mache ich etwas falsch!
LOSLEGEN: Jede Meditation ist anders. Das ist gerade der Witz. Manche Menschen sehen Farbflächen vor sich oder glauben, über ihrem eigenen Körper zu schweben. Andere hören bloß Nachbars Hund bellen und stellen fest, dass Sie darüber ein Gefühl des Ärgers empfinden.
Alles okay. Genau so ist es. Solange Sie unverkrampft konzentriert bleiben – auf ein Mantra, den Atem, Klänge – und die Aufmerksamkeit liebevoll wieder auf das Ziel richten, wenn Sie bemerken, dass Sie abschweifen, ist alles in Ordnung.

BONUS-VORURTEIL (Nr. 8): Kinder können sich nicht lange genug konzentrieren zum Meditieren!
LOSLEGEN: Alles Übungssache. Kaum ein Erwachsener kann sich so versunken konzentrieren wie ein Kind. Wenn es Ihnen gelingt, sich für ein paar Minuten mit Ihrer Tochter oder Ihrem Sohn ganz der Ruhe hinzugeben, wunderbar. Meist tut es allen Beteiligten gut, Kindern wie Eltern. Probieren Sie es einfach mal!

Viel Spaß!

Bild: Anatoli Styf via FreeImages